Kommentar zum Konfliktmodell

 

Das Modell ist ausführlich dargestellt in: Bähr, K., Fries, A.-V. & Rosenmund, M. (1999). Konflikte in der Lehrplanarbeit. In Künzli, R., Bähr, K. et al. (Eds.). Lehrplanarbeit über den Nutzen von Lehrplänen für die Schule und ihre Entwicklung. Chur/Zürich: Rüegger.

Grundsätzlich blicken alle Beteiligten unter der institutionellen Perspektive des staatlichen Bildungswesens auf die Lehrplaninhalte. Aber sie tun dies mit je besonderem Sachverstand und auf dem Hintergrund ihrer je eigenen Erfahrungen. Dies zeigt sich zunächst in der Art und Weise wie sie die Problematik überhaupt wahrnehmen – als wie wünschbar und notwendig jemand einen (neuen) Inhalt  erachtet (Wahrnehmungskonflikt). Die Perspektive der Beteiligten kommt in einem zweiten Schritt ins Spiel, wenn es um die Frage der Auswahl geht – wenn entschieden wird, was Platz im Lehrplan finden soll, welche Ziele und Kompetenzen der Lehrplan festlegen soll (Auswahlkonflikt). Da sind wiederum Wissensstand und Verständnis der Personen entscheidend, denn wer über ein Gebiet  schlecht informiert ist, wird bei der Auswahl von Wissen anders entscheiden als jemand, der einen universitären Abschluss darin hat. Ein drittes Mal kommt die Perspektive ins Spiel, wenn es darum geht, das ausgewählte Wissen in den Lehrplan zu integrieren und es mit Bestehendem zu kombinieren und zu ordnen ([Re-]Kombinationskonflikt).

Neben den durch die Perspektive auf das Wissen bedingten Unterschieden ist nun aber auch das positionsbedingte Interesse der Beteiligten zu berücksichtigen, um einen beobachteten Konflikt im Rahmen einer Lehrplanentwicklung zu verstehen. Die Annahme ist, dass die Position eines Akteurs und dadurch sein Interesse vom institutionellen Ort abhängig ist, von dem aus er auf die Lehrplanentwicklung (bzw. auf die Implementierung oder auch die Umsetzung) blickt. Von der der Politik (Ebene I) aus betrachtet, ist die Schule verpflichtet, bestimmte Inhalte im Lehrplan aufzunehmen. Eine Person der Ebene Programmatik (Ebene II) hingegen hat primär eine Vermittlungsaufgabe und zwar muss sie einen Ausgleich finden zwischen dem politischen Postulat und der Praktikabilität des Anliegens. Wer als Lehrperson (Ebene III Praxis) in eine Lehrplanentwicklung einbezogen ist, und vor die Frage gestellt ist, wie er zum Bestehenden unter Umständen zusätzliche oder andere Ziele erreichen soll, wird aus einer anderen Interessenlage heraus entscheiden. Wenn wir davon ausgehen, dass in Lehrplangruppen alle drei Positionen vertreten sind, können wir auftretende Konflikte dahingehend untersuchen, ob divergierende Haltungen zwischen Akteuren der gleichen Ebene auftreten (Interebenenkonflikt) oder zwischen innerschulischen Akteuren der Ebenen Programmatik und Praxis (Intraebenenkonflikt) oder zwischen inner- und ausserschulischen Akteuren (Supraebenenkonflikt). Interebenenkonflikte betreffen dann bspw. Auseinandersetzungen zwischen Lehrpersonen verschiedener Fachrichtungen oder unter Fachdidaktikern. Intraebenenkonflikte ergeben sich beispielsweise aus Spannungen zwischen der Bildungsverwaltung, die einen neuen Inhalt aufnehmen will und dem Praktiker, der dafür Stunden bekommen möchte.

Das Konfliktmodell erlaubt es, Konfliktpotenzial in einer Lehrplangruppe auszumachen, indem die Position bzw. das Interesse eines Akteurs mit seiner Perspektive in einen Zusammenhang gestellt werden. Mit dem Modell kann der Zusammenhang zwischen einer Sachfrage und den Beteiligten in einer Konflikt- oder Entscheidungssituation analysiert werden.