Lehrplanforschung

Curriculare Planungen

«Kompetenz» als Verständigungsformel

Posted on | Juni 10, 2016 |

«Kompetenz» kann als neue gesellschaftliche Verständigungsformel in der öffentlichen Rede über die Leistungen der Bildungssysteme verstanden werden. In dem Beitrag wird dieses Verständnis erläutert, dann werden die Geschichte und Verwendungsweisen von ‘Kompetenz’ kurz dargestellt. Schliesslich wird analysiert, wie sich mit dieser Formel unser Blick auf die Bildungssysteme und unsere Erwartungen an ihre Leistungen gegenüber älteren Formeln wie «Bildung» oder «Lernfähigkeit» verschoben hat und weiter vereschiebt.
Rudolf Künzli im Juni 2016
Verschiebungen der gesellschaftlichen Bildungserwartungen

One Response to “«Kompetenz» als Verständigungsformel”

  1. kuru
    November 18th, 2016 @ 15:42

    Sehr geehrter Herr Künzli
    …..
    Mit Interesse habe ich Ihre aufschlussreichen Ausführungen zum Begriff Kompetenz als aktueller Kontingenzformel der Pädagogik gelesen. Dazu folgende ergänzende Bemerkungen:
    1. Nach Karl Schweizer: Leistung und Leistungsdiagnostik, Heidelberg 2006,wurde „Kompetenz“ von den Lernpsychologen als Messgrösse für den schulischen Ländervergleich entwickelt in Analogie zur „Intelligenz“. Kompetenzmessungen sollten sich bezüglich Kontextfokussierung auf Alltagssituationen, Lernbarkeit und Binnenstrukturen (Abstufungen) von Intelligenztests unterscheiden, jedoch ähnliche Aufgabenmuster enthalten. Nach Schweizer zeigten nun aber Vergleiche zwischen Intelligenz- und Kompetenztests, dass keine wirkliche Trennschärfe zwischen den beiden Grössen besteht :
    “Tatsächlich sind die empirischen Zusammenhänge zwischen Kompetenz- und Intelligenzmassen typischerweise recht hoch, so berichten z.B. Leutner et al. (2004) messfehlerbereinigte Korrelationen von 0,64 bis 0,74 zwischen Intelligenz und den in PISA 2003 erfassten Kompetenzmassen.” (S.129)
    Daraus müsste sich eigentlich der Forschungsauftrag ergeben: Ist diese Korrelation weltweit in den verschiedensten Schulformen und –kulturen konstant zu beobachten? Falls ja, würde sich die interessante Frage stellen, ob der Einfluss von Didaktik und Methodik insbesondere derjenige von „Kompetenzorientierung“ auf den Unterrichtserfolg nicht überschätzt wird.
    2. Die Kontingenzformel „Kompetenz“ nährt ihren Bedeutungshof, wie Sie sehr schön formulieren, auch aus Metaphern, die andern Sachbereichen entstammen.
    a) „Kompetenzorientierung“ wird meist als Abkehr vom „Ansammeln eines unnötigen Wissensballastes“ gesehen. Ohne den Umweg über „Wissen“ direkt zur „Kompetenz“, also zum erwünschten Verhalten, lautet die Devise. Hinter einer solchen erhofften Effizienzsteigerung des Lernens steht ein klar behavouristischer Ansatz: Kompetenz ist die richtige „Response“ (Lösung) auf einen „Reiz“ (Problem). Viele Leute, die vermutlich den Behavourismus als reduktionistisch und als dem menschlichen Denken, Lernen und Handeln unangemessen ablehnen würden, scheinen die Nähe des Gedankenkonstrukts Kompetenz zur behavouristischen Konditionierung nicht zu spüren.
    b) Eine zweite Metapher ist die „Output-Orientierung“ des kompetenzorientierten Unterrichts, dessen Ursprung beim Firmencontrolling anzusiedeln wäre. Darunter kann man nur „Teaching to the Test“ verstehen, eine durchaus erfolgreiche Methode, um bessere Testresultate zu erzielen. Echte Kompetenz?
    c) „Wissen aneignen“ ist zwar verpönt, da man es ja aus dem Internet herunterladen kann, stattdessen solle man lieber „Wissen vernetzen“. Hier sind Metaphern aus dem Computerbereich und der Hirnforschung in wirrer Weise verknüpft. Wie kann das Hirn Dinge vernetzen, die dort gar nicht vorhanden sind? Manfred Spitzer meint dazu, das menschliche Hirn sei kein Computer.
    d) Kompetenzen werden ab Kindergarten im „Portfolio“ aufgelistet, eine Metapher aus der Bankenwelt: die Auflistung der Vermögenstitel eines Kunden. Lässt sich Bildung in Form von Aktivenposten beschreiben?
    3. Zu Recht erwähnen Sie die Verwechslung der Begriffe Kompetenz und Performanz, dass nämlich Kompetenz ein letztlich unteilbares allgemeines Potenzial darstellt, während Performanz die Anwendung der Kompetenz auf konkrete Probleme bezeichnet. Der Fall zeigt sehr schön, wie ein Konstrukt der Lernpsychologie (das dort im wohl definierten Rahmen durchaus Sinn macht) bei der Übertragung auf die schulische Didaktik völlig umgedeutet, oder eben fehlgedeutet wurde. Letztlich sind nicht irgendwelche Lehrplankompetenzen massgeblich für die Steuerung des Unterrichts, sondern die von einer Prüfungsinstanz festgelegten Aufgaben. Wer auf diese vorbereitet ist, kann sich kompetent nennen. Konsequenz: Bei entsprechender Modellierung kann jedem zur Kompetenz verholfen werden, auch wenn es nur die FeldmitBlaustiftgleichmässigausmalKompetenz ist.
    4. Zu Chomsky: Was Chomsky vor allem interessierte: Aus der allen Menschen gehörenden sprachlichen Grundkompetenz schloss er auf eine allen Sprachen innewohnende Tiefenstruktur, welche die technische Möglichkeit eröffnen sollte, durch Transformationsregeln die verschiedenen Oberflächenstrukturen (=alle Sprachen der Welt) abzubilden, d.h. den perfekten Sprachcomputer zu bauen. Die gegenwärtige „Mehrsprachigkeitsdidaktik“ nährt ihre Hypothesen letztlich aus der Vorstellung, dass der angenommene gemeinsame Ursprung das Lernen von Fremdsprachen magisch beeinflussen könnte, wobei sie sich naiv einer sehr laienhaften Volksetymologie bedient. Wieder eine Metapher: Die romantische Vorstellung eines gemeinsamen Ursprunges, verbunden mit dem kybernetischen Vernetzen der technisierten Welt, und schon fällt den Lernenden die Fremdsprache wie ein reifer Apfel in den Schoss.
    Mit freundlichen Grüssen, Felix Schmutz

    Felix Schmutz
    Herrenweg 42 c
    CH-4123 Allschwil
    Tel. 061 302 44 31
    sz42all@bluemail.ch

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