Lehrplanforschung

Curriculare Planungen

Gute Schule – wissen wir, was wir wollen?

Posted on | Oktober 17, 2014 |

Ein Beitrag aus der ‘Schulinfo Zug’ von Prof. Dr. W. Herzog über die pädagogische Leere und Orientierungslosigkeit gegenwärtiger schweizerischer Schulreformpolitik.
Walter Herzog_Gute Schule1

One Response to “Gute Schule – wissen wir, was wir wollen?”

  1. kuru
    Oktober 19th, 2014 @ 21:37

    Es ist eine knappe und präzise Analyse, die Walter Herzog hier vorlegt. Sie zeigt das gegenwärtige Defizit nicht bloss schweizerischer Schulreformpolitik auf und stellt es in einen grösseren Zusammenhang. Dieser müsste vielleicht noch etwas deutlicher herausgestellt werden. Denn die beschriebene Orientierungsnot ist so neu nicht. Die Frage, gibt es (noch) Zukunft in der Vergangenheit, hatte Ernst Bloch in der ersten Hälfte des 20. Jhs. gestellt und so den inneren Zusammenhang beider Orientierungsmarken Vergangenheit und Zukunftsperspektive in den Begriffen des ‚Noch-nicht‘, des ‚Unabgegoltenen‘ miteinander verknüpft.
    Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Kennzeichnung gegenwärtiger Reformaktivitäten als ‚Formalisierung‘ die Sache wirklich trifft. Treffender scheint mir, sie als Prozedierung ungelöster, ja vielleicht auch gar nicht mehr lösbarer Fragen zu bezeichnen. Die Frage von Walter Herzog ‚Wissen wir, was wir wollen?‘ suggeriert, dass es noch eine nachhaltig stabile konsentierbare Antwort auf diese Frage in einer zunehmend pluralistischen und multikulturellen Gesellschaft, deren oberste Orientierungsmarke, die Deutung der aufklärerischen Idee der Selbstbestimmung als individuelle Selbstverwirklichung ist, gebe oder geben könne. Als ein grundlegendes Dilemma hat der Philosoph Michael Theunissen bereits in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts das Verhältnis von Selbstverwirklichung und Allgemeinheit analysiert. (‚Selbstverwirklichung und Allgemeinheit. Zur Kritik des gegenwärtigen Bewusstseins.‘ Berlin: deGruyter 1982). Es könnte ja sein, dass das, was Herzog als ‚Flucht ins Formale‘ nennt, die noch mögliche vernünftige Antwort auf ein nicht mehr inhaltlich lösbares Problem darstellt. Bereits 1975 hatte ich in einem Beitrag zur Legitimations- und Begründungsproblematik von curricularen Entscheidung darauf hingewiesen, dass die damals zentralen Diskussionen um Lernziele nichts anderes seien, als ein Ausdruck der ungelösten Inhaltsfrage (‚Begründung und Entwicklung in Curriculumplanung und –entwicklung‘ In: R. Künzli (Hrsg.) Curriculumentwicklung – Begründung und Legitimation. München: Kösel 1975, 9-28). Nun heisst das ja nicht, dass man nicht mehr über konkrete Inhalte und Aufgaben von Schule und Erziehung diskutieren sollte oder könnte, nur ist das eben anstrengender geworden in einer Zeit und Gesellschaft, in der der Bestand an gemeinsamen Wertorientierungen und Selbstverständlichkeiten des Zusammenlebens zunehmend sich verkleinert. Dass dieser anstrengende gesellschaftliche Diskurs heute von offizieller Seite gescheut und schulpolitisch soweit wie möglich gemieden wird, darin ist Walter Herzog zuzustimmen. Auch dass hier stellvertretend Verfahrens- und Steuerungsdiskurse treten, ist eine problematische Entwicklung. Ich bin allerdings der Meinung, dass Verfahrensfragen nicht gegen Inhaltsfragen gegeneinander ausgespielt werden sollten. Das Gewicht der Verfahrensfragen ist Ausdruck der inhaltlichen unlösbar gewordenen Kanonfrage. Es geht wesentlich darum, dass wir den Diskurs darüber, was wir wollen, auf allen gesellschaftlichen Ebenen ermöglichen und aufrecht erhalten, auch ohne die Erwartung, dass wir zu abschliessenden gesellschaftlich konsentierten Antworten noch kommen könnten. Wir müssen den Umgang mit den curricularen und schulpolitischen Unsicherheiten kultivieren. Als eine Aufforderung dazu, lese ich den Beitrag von Walter Herzog.
    Aarau, 18.Oktober 2014
    Rudolf Künzli

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