Lehrplanforschung

Curriculare Planungen

la buona scuola

Posted on | September 23, 2014 |

Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi hat ein Schulprogramm vorgestellt. Es kann, abgesehen von seinem Inhalt, auch in seiner Form als Muster für einen diskursiven Vermittlungstext zwischen Schulgesetz und Schullehrplänen gelten. Solche Texte sind geeignet, über den gesellschaftlichen Auftrag der Schule im öffentlichen Diskurs zu orientieren und zu beraten.

Das 12-Punkte-Programm der Guten Schule für die Meinungsbildung:
http://passodopopasso.italia.it/wp-content/uploads/La-BUONA-SCUOLA_-12-punti.jpg

http://download.repubblica.it/pdf/2014/scuola/labuonascuola.pdf

Ein anderes schönes Beispiel für einen öffentlich und breit diskutierbaren und orientierenden Lehrplan hatte The Royal Ministry of Church, Education and Research unter dem Minister Gudmund Hernes 1994 als Core Curriculum for Primary, secondary and adult education in Norway publiziert.
Core_Curriculum_English

One Response to “la buona scuola”

  1. kuru
    Oktober 22nd, 2014 @ 9:21

    Die Schulreform in Italien. Vorstellung und Kommentar

    Die italienische Regierung unter Ministerpräsident Matteo Renzi und mit Unterrichtsministerin Stefania Giannini hat ein ambitioniertes Reformvorhaben für das italienische Schulsystem vorgelegt. Wenn es so verwirklicht würde, würde es aus einem starren und rückständigen ein flexibles und innovatives Bildungssystem machen. Doch bis dorthin ist noch ein weiter Weg.
    Derzeit liegt nur eine 126 Seiten starke, farbig gestaltete Broschüre vor. In 6 Kapiteln werden die Grundideen abgehandelt:
    Kernpunkte dieses Reformvorhabens sind:
    • 148.100 Lehrpersonen, die derzeit befristete Verträge (vielfach auch für ein ganzes Schuljahr) haben, sollen einen unbefristeten Vertrag erhalten. Damit sollen alle freien Stellen besetzt, die Vertretungen für Krankheiten, Mutterschaften usw. abgedeckt und zusätzliche Ressourcen für zusätzliche Tätigkeiten und Bildungsangebote abgedeckt werden.
    • Die Gehaltsvorrückungen sollen nicht mehr auf dem Dienstalter beruhen. Alle drei Jahre sollen zwei Drittel der Lehrpersonen einer Schule eine Gehaltsvorrückung erhalten. Dafür wird eine Rangliste aller Lehrpersonen der Schule erstellt. Lehrpersonen können durch didaktische Innovationen und gute Arbeit in der Klasse, durch Forschungs- und Fortbildungsaktivitäten und durch die Übernahme von besonderen Arbeiten in der Schule Kreditpunkte erhalten. Die Anzahl dieser Kreditpunkte bestimmt die Position in der Rangliste und damit den Erhalt der Gehaltsvorrückung.
    • Die Lehrerfortbildung, vor allem die schulinterne Fortbildung, soll neues Gewicht bekommen, wobei forschendes Lernen und gemeinsame Reflexion eine große Rolle spielen sollen.
    • Die Autonomie, aber auch die externe Evaluation sollen ausgebaut werden. Alle wichtigen Dokumente sollen veröffentlicht werden.
    • Der Unterricht in Musik, Kunstgeschichte und Sport soll ausgedehnt werden. Mit dem Unterricht in der ersten Fremdsprache soll früher begonnen werden. Alle Schüler und Schülerinnen sollen nicht nur mit digitalen Medien kompetent umgehen lernen, sondern sollen auch programmieren lernen, um so zu „digitalen Produzenten“ zu werden. Und schließlich sollen alle Schüler und Schülerinnen die Wirtschafts- und Finanzsysteme verstehen lernen. Um dies zu erreichen sollen die einzelnen Schulen große Freiheiten bei der Gestaltung der schulinternen Curricula erhalten.
    • Die Verknüpfung mit der Arbeitswelt soll intensiviert werden. Alle Schüler und Schülerinnen müssen die Möglichkeit erhalten, Arbeitserfahrungen machen zu können: durch Praktika in Betrieben, durch Übungsfirmen, durch den Aufbau der dualen Ausbildung für Lehrlinge. Die Schulen sollen zu „Hallen der Innovation“ werden und damit zu Kernen von Netzwerken, bei denen sich kleine Unternehmen Beratung einkaufen können.
    • Um diese Reformen durchführen zu können, sollen auch Gelder von Privaten in die öffentlichen Schulen fließen, wobei die Sponsoren Steuererleichterungen erhalten.
    Sehr viele Fragen sind offen: Wie soll dies alles finanziert werden? Führen die Gehaltsvorrückungen nach Leistung zu einem Rennen nach Kreditpunkten oder zu tatsächlicher Innovation? Wenn die genannten Fächer potenziert werden, sollen dann Sprache, Mathematik und Naturwissenschaften gekürzt werden? Sind Kunstgeschichte und Programmieren wirklich so wichtig? Können und wollen die Unternehmen genügend Praktikumsplätze zur Verfügung stellen, sich Innovationen in den Schulen einkaufen und zu Sponsoren werden?
    Wie gesagt: Das Reformvorhaben liegt als eine Broschüre mit Ideen, Zahlen, Diagrammen, Argumentationen vor. Die gesamte Bevölkerung ist nun aufgerufen, diese Ideen zu kommentieren. Die Unterrichtsministerin tingelt durch die Städte, um ihr Reformvorhaben vorzustellen und die Meinung der Gewerkschaften, Lehrer und Lehrerinnen, Schulführungskräfte, Elternvertretungen, Schülervertretungen, Wirtschaftsverbände usw. einzuholen.
    Was positiv stimmt, ist, dass die Unterrichtsministerin Arbeitsgruppen zur Umsetzung eingesetzt hat, und zwar mit klaren Zielsetzungen und einem engen Zeitrahmen. Also Ansätze eines Projektmanagements und damit eigentlich Selbstverständlichkeiten, aber für die öffentliche Verwaltung in Italien völliges Neuland.
    Man kann gespannt sein, was übrig bleibt, wenn die Ideen in Gesetzestexte, Arbeitsverträge, Ministerialrundschreiben gegossen werden. Vieles wird verloren gehen, da es nicht verordnet werden kann. Manches wird Kompromissen mit den Gewerkschaften weichen. Einiges wird nicht finanzierbar sein.

    Rudolf Meraner, Direktor des Bereichs Innovation und Beratung im Deutschen Bildungsressort in Südtirol

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.